Im Herbst 2003 (genauer gesagt: von September bis Dezember 2003) habe ich ein Auslandssemester am City College of New York (CCNY) verbracht. Auf dieser Seite möchte ich ein wenig über das Studium berichten – ein Tagebuch über meine Aktivitäten abseits der Uni (in Hinblick auf Sightseeing) befindet sich auf meinen Reiseseiten.
Begonnen hat der offizielle Teil meines Auslandssemesters mit einem "Orientation Meeting" in der Woche vor Semesterbeginn. Allerdings wäre der Ausdruck "Disorientation Meeting" wahrscheinlich treffender gewesen: Unsere Betreuerin, die für die Austauschstudenten (fünf Österreicher von der TU Wien, fünf Deutsche und zwei Britinnen) zuständig war, scheint sich zwar sehr gut in Unibelangen ausgekannt zu haben – allerdings hat sie ihr Wissen nicht wirklich an uns weiter gegeben. Wenn man eine konkrete Frage gestellt hat, wusste sie wohl meist eine Antwort, aber wer weiß schon am ersten Tag eines Auslandssemesters, welche Fragen man den stellen sollte, um über die Hürden des Registrierens zu kommen? Als wäre das nicht genug, so hat sie mehr oder weniger von uns erwartet, uns innerhalb von etwa einer Viertelstunde die Kurse fürs kommende Semester zu suchen – und das mit Hilfe eines Vorlesungsverzeichnis, das keine Beschreibungen der Lehrveranstaltungen, sondern eher LVA-Titel wie "REP BR WR: VICT PERD" enthalten hat!
Trotz dieser Widrigkeiten haben wir aber es mit vereinten Kräften alle geschafft, uns für die von uns gewünschten Kurse zu registrieren (zumindest meistens; manche Kurse waren schon ausgebucht). Innerhalb von acht Stunden haben wir unter anderem
- nachgewiesen, das wir jeder zwei Mal gegen Masern, und je einmal gegen Mumps und Röteln geimpft sind,
- dem Admissions Office klar gemacht, dass sie uns endlich für die Registrierung freigeben sollten, weil unser Orientation Meeting schon vor zwei Monaten für diesen Termin fixiert worden war,
- uns für die Kurse registriert (wofür manche noch eine extra Bewilligung des zuständigen Departement gebraucht haben),
- uns eine Bill (Rechnung) über etwa $6,000 abgeholt,
- uns beim Bursar eine neue Bill geholt, bei der der Erlass der Studiengebühren berücksichtigt worden ist,
- beim Cashier unsere $0-Rechnung bezahlt,
- mit der bezahlten Rechnung schließlich beim Office of Student Identification eine College-ID bekommen.
Für mich ging der Spießrutenlauf in der ersten Woche des Semesters noch weiter, weil ich die absurde Idee hatte, einerseits zwei meiner Kurse zu "droppen", und andererseits einen neuen Kurs zu belegen, der bereits überbelegt war. Aber auch das habe ich schlussendlich geschafft (auch wenn ich $10 "Late Fee" zahlen musste, was mir unsere Betreuerin natürlich vorab nicht verraten hat).
Das Studium an sich war dafür sehr erholsam: Ich habe vier Kurse zu insgesamt 15 Stunden belegt, und musste praktischerweise nur für einen dieser Kurse wirklich etwas zu Hause machen. Das hatte natürlich zur Folge, dass ich genügend Zeit für touristische und sonstige Aktivitäten hatte.
Das Niveau am CCNY scheint doch deutlich niedriger zu sein als bei uns, zumindest haben das alle zwölf Austauschstudenten behauptet. Möglicherweise liegt das natürlich auch daran, dass eher die etwas besseren Studenten auf Auslandssemester fahren, aber das alleine dürfte es nicht sein. Der Notenschlüssel in meiner Vorlesung "Measurements, Modelling and Computing" dürfte dafür wohl symptomatisch sein: Mit 135 von 170 Punkten bekam man noch ein A (entspricht unserem Einser), und selbst mit nur 65 von 170 Punkten war man noch positiv! Ein anderer Austauschstudent hat mir gar davon berichtet, dass bei einem seiner Tests bereits die Hälfte der maximal erreichbaren Punkte für ein A (also einen Einser) gereicht haben!
Und auch wenn das jetzt so klingt, als wäre ich mit dem akademischen Teil meines Auslandssemesters sehr unzufrieden, so täuscht das ein wenig: Ich habe mit "Concepts in Astronomy" einen sehr unterhaltsamen Astronomie-Kurs besucht, wenn ich auch zugegeben muss, dass der Informationsgehalt höher sein hätte können. Vor allem aber war ich von meinem Kurs "Atmospheric Modelling" begeistert, der sich mit der Modellbildung in der Meteorologie befasst hat. Natürlich konnten wir nicht soweit gehen, einen genauen Wetterbericht zu erstellen, aber wir haben – nach einem kurzen, aber ausführlichen, Überblick über die Grundlagen – zumindest die einfacheren Wetterphänomene simulieren können: Angefangen von warmer aufsteigender Luft, über Niederschlag, einfachen Klimamodellen bis hin zu Meer-Eis-Modellen haben wir wichtigsten Aspekte des Atmospheric Modelling kennen gelernt. Dieser Kurs war für mich mit meinem Interesse für Modellbildung natürlich ideal – vor allem, weil an der TU Wien das Hauptaugenmerk auf der medizinisch/biologischen Modellbildung liegt, und ich so einmal die Modellbildung in einem anderen Bereich kennen lernen konnte.
Alles in allem war das Auslandssemester aber ein unvergessliches Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Speziell die Unternehmungen abseits der Uni (sei es nun Sightseeing, oder Treffen/Partys mit anderen Austauschstudenten, oder ...) haben mir wirklich unglaublich viel Spaß gemacht – denn auch wenn diese Seite nur dem Studium gewidmet ist, muss doch gesagt werden, dass die Uni nicht unbedingt das Wichtigste bei einem Auslandssemester ist ...